Die Landkarte ist nicht das Gebiet

Dr. Daniel Köpke
Die Landkarte ist nicht das Gebiet

Diese Folge ist wohl die letzte aus einer Serie, in der ich dir die Grundannahmen im NLP beschreibe und wie du sie auf Beziehungen anwenden kannst. Die Grundannahme dieser Folge lautet: „Die Landkarte ist nicht das Gebiet."

„Die Landkarte ist nicht das Gebiet" – oder im Englischen Original „the map is not the territory" – ist eine Metapher von einem der philosophischen Urväter des NLP, Alfred Graf Korzybski. Dahinter steht der Gedanke, dass im Grunde niemand von uns wirklich weiß, wie die Welt wirklich ist. Sondern dass die Welt, in der wir leben, nicht mehr als ein Konstrukt unseres Geistes ist.

Unser Geist simuliert

In unserem Kopf läuft eine Art Simulation ab, die voraussagt, wie sich die Welt wohl verhalten wird – was uns wohlgesonnen und nützlich ist, was gefährlich und was aufregend ist. Diese interne Simulation ist so wirkmächtig, dass sie unsere Emotionen, ja teilweise sogar körperliche Reaktionen unwillkürlich steuert.

Stell dir vor, du schneidest eine saftige, quietschsaure Zitrone in Scheiben und beißt hinein – merkst du, wie dein Mund beginnt, Speichel zu produzieren? Nur in der Vorstellung. Und trotzdem reagiert dein Körper. Diese interne Simulation der Welt ist das, was Korzybski als innere Landkarte oder Modell der Welt meint.

Wir machen uns ein Bild von anderen Menschen

Wir alle müssen – um mit anderen Menschen zurecht zu kommen – ein Bild davon machen, wie Menschen drauf sind: was ihre Eigenarten und Macken, Stärken und Schwächen sind. Das unangenehme ist nur: Das Bild, das wir von anderen Menschen haben, ist in jedem Fall unvollständig. Auf der Landkarte, in die wir Persönlichkeitsmerkmale, Vorlieben und Angewohnheiten einzeichnen, gibt es erstaunlich viele weiße Flecken. Unser subjektiver Eindruck ist aber: So sind die anderen wirklich!

Vorsicht mit Interpretation

Nur weil du ein paar Fakten über einen Menschen kennst, weißt du im Grunde nichts über seinen Charakter. Auch wenn uns das unser Gehirn sehr schnell einreden möchte. Was einen Menschen ausmacht, ist sehr viel mehr als seine Religion oder seine politische Orientierung. Sein Kontostand oder seine Beziehungen.

Dass negative Vorurteile nicht besonders gut für Beziehungen sind, ist den meisten logisch. Und doch höre ich jeden Tag von Menschen, die anderen Narzissmus unterstellen, nur weil jemand mal etwas energischer seine Meinung vertritt – oder dass der andere gleich eine Bindungsstörung hat, nur weil er sich nicht sofort committen will.

Nicht nur negative Unterstellungen können toxisch sein

Auch positive Vorurteile haben ihre Tücken. Wenn du bewusst oder unbewusst auf einen großzügigen Charakter schließt, weil jemand bei den ersten Dates teure Restaurants wählt, kann das zu einer Erwartung führen, die irgendwann enttäuscht wird. Besonders krass ist das beim Love-Bombing: Man überschüttet sich in der Verliebtheitsphase mit Versprechen – und wenn die Hormone verflogen sind, entsteht der Eindruck: „Was ist aus dem Menschen geworden, in den ich mich verliebt habe?"

Der Pygmalion-Effekt

In einem bekannten Experiment aus den 60ern wurden Schulklassen aufgrund eines angeblichen Tests in „besonders begabte" und „weniger begabte" Gruppen aufgeteilt – obwohl die Aufteilung rein zufällig war. Nach kurzer Zeit zeigten die „begabten" Schüler tatsächlich bessere Leistungen. Die Erwartung der Lehrer hatte das Verhalten der Kinder geformt.

Welche Seiten bei anderen Menschen in Erscheinung treten, hängt maßgeblich davon ab, was wir von ihnen halten. Ein Mensch, von dem ich glaube, dass er überwiegend gut ist, wird viel bereitwilliger gutes Verhalten zeigen.

Umgang mit Enttäuschung

Wenn Menschen enttäuscht werden, reagieren sie oft so, als wäre ihr früheres Bild von dem Menschen falsch gewesen. Dabei war dein Bild gar nicht falsch. Es war nur unvollständig.

Wir Menschen haben alle das Potenzial, wirklich gute, freundliche und liebevolle Taten zu vollbringen – und in uns allen schlummert auch ein Raubtier, das zu grauenhaften Dingen fähig ist. Kein Mensch ist nur vertrauenswürdig, und kein Mensch ist nur ein Lügner. Für mich sind andere Menschen ein Spektrum von potenziellen Verhaltensweisen.

Fazit: Neugier statt Gewissheit

Wenn ich mit meinem sozialen Umfeld nicht glücklich bin, kann ich natürlich mein Umfeld austauschen. Aber wer nichts an seinem Bild von anderen Menschen ändert, wird dieselben Erfahrungen immer wieder mit anderen Menschen machen – wie dasselbe Drehbuch mit neuen Schauspielern.

Die nachhaltigere Lösung ist, etwas an deinem Menschenbild zu ändern. Und das kannst du nur, wenn du dir bewusst machst: Was du über den anderen denkst, ist nur eine Landkarte. Zieh sie mit Freude und Neugier immer wieder in Zweifel – egal ob du jemanden 5 Minuten oder seit 40 Jahren kennst. Diese Neugier ist einer der größten Faktoren für langfristig glückliche Beziehungen.

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