Positive Absichten – eine Grundannahme im NLP
In dieser Folge geht es um das NLP – das neurolinguistische Programmieren – und eine seiner zentralen Grundannahmen: „Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht."
Was ist NLP?
Die Begründer des NLP, John Grinder und Richard Bandler, haben in den 1970er Jahren die damals führenden Psychotherapeuten – Fritz Perls, Virginia Satir, Milton H. Erickson – beobachtet und versucht, deren Wirksamkeit lehrbar zu machen. Das Ergebnis: eine Meta-Methode, die zeigt, wie exzellente Fähigkeiten modelliert und erlernt werden können.
NLP ist für mich zu einer Art „Hausapotheke für den Geist" geworden. Wenn ich mich frustriert, unsicher oder abgelehnt fühle – und das passiert in Beziehungen immer mal – finde ich im NLP im Grunde immer eine passende Lösung. Das Herzstück ist der Modelling-Gedanke: Exzellente Fähigkeiten sind nicht angeboren, sie sind erlernbar. Statt mühsam durch Versuch und Irrtum zu lernen, kann man sich einfach mit Menschen beschäftigen, die das, was man will, bereits können.
Grundannahmen im NLP
Die Grundannahmen des NLP sind Glaubenssätze – Grundthesen, die das Weltbild beschreiben, das die NLP-Arbeit erst möglich macht. Zu diesen Grundannahmen gehören:
- Die Landkarte ist nicht das Gebiet.
- Es gibt keine Fehler, es gibt nur Feedback.
- Energie folgt der Aufmerksamkeit.
- Menschen haben alle Ressourcen für eine gewünschte Veränderung bereits in sich.
Und eben: Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht.
Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht
Eine berührende Geschichte dazu findet sich bei Steven Covey: Er saß in einer U-Bahn in New York. Die Atmosphäre war ruhig und friedlich. Dann stieg ein Mann mit seinen Kindern ein. Die Kinder tobten herum, warfen Dinge durch die Gegend – der Vater saß dabei mit leerem Blick.
Als Covey ihn höflich, aber bestimmt ansprach, antwortete der Mann leise: „Oh … ja … Sie haben recht. Wissen Sie … wir kommen gerade aus dem Krankenhaus. Meine Frau ist heute Morgen gestorben."
Was ich aus dieser Geschichte gelernt habe: Die negativen Gefühle entstehen nicht durch das Verhalten an sich – sie entstehen aus der Bewertung. Auf den ersten Blick sieht der Vater wie ein überForderter Loser aus. Als die Hintergründe klar werden, entsteht ein ganz anderes Mitgefühl.
Häufig können wir aus der reinen Beobachtung eines Verhaltens nicht daraus schließen, welche Motive, Erfahrungen und Prägungen zu diesem Verhalten geführt haben. Und mein herzlichster Ratschlag: Wenn du nicht mit Sicherheit weißt, warum der andere etwas getan hat – unterstelle ihm etwas Positives.
Praxisbeispiel
Nehmen wir an, du kommst nach Hause und der Müll quillt über, obwohl du deinen Partner heute Morgen darum gebeten hast, ihn rauszutragen. Was ist deine erste Vermutung, warum er es nicht getan hat?
Eine Möglichkeit: Er hat es mit Absicht nicht getan, um dich zu provozieren. Um ein Machtspielchen zu spielen. Weil du ihm eigentlich gar nicht mehr wichtig bist. Was macht diese Vermutung mit deiner Stimmung? Was passiert, wenn du ihn konfrontierst?
Eine andere Möglichkeit: Er hat deine Bitte einfach nicht gehört. Er hatte einen furchtbar stressigen Tag. Es gab etwas wesentlich Dringenderes. Wenn du ihm positive Absichten unterstellst, führt das zu sehr viel besseren Gefühlen – auf deiner und seiner Seite. Und selbst wenn er es absichtlich nicht getan hätte: Mit der Haltung „Hattest du einen stressigen Tag?" bekommst du viel eher heraus, was ihn eigentlich ärgert.
Die unterstellte Absicht bestimmt deine Emotionen
Wenn es an unsere eigenen Grenzen geht, wenn wir verletzt oder gekränkt werden, unterstellen die meisten von uns sehr schnell böse Absichten. Ich stelle diese Gegenfrage: Bist du wirklich 100 %, ohne jeden Zweifel, absolut sicher, dass du weißt, warum er das getan hat? Denn bis wir wirklich Gedanken lesen können, bleibt die Absicht anderer immer ein Stück weit Spekulation.
Diese Haltung kann man üben – wie gesundes Essen oder Sport. Am Anfang fällt man immer wieder in alte Muster zurück. Der erste Schritt ist einfach: bemerken, dass man wieder böse Absichten unterstellt. Im nächsten Schritt, wenn die Situation vorbei ist, reflektieren: Welche andere, positive Absicht hätte jemand in dieser Situation gehabt haben können?
Zu Risiken und Nebenwirkungen
Eine fundierte Kritik am NLP ist, dass die Annahme, jedes Verhalten habe eine positive Absicht, die Existenz des Bösen zu negieren scheint. Ich glaube, diese Haltung birgt ein gewisses Risiko.
Du hast jedes Recht, dich vor schlechten Dingen zu schützen, deine Grenzen zu setzen und im Zweifelsfall Beziehungen zu beenden, die dir nicht guttun. Aber eine grundsätzlich wohlwollende Einstellung bezüglich der Absichten deines Gegenübers wird viel Frieden in deine Beziehungen bringen. Im Zweifel für den Angeklagten – zumindest solange, bis seine Schuld bewiesen ist.
Auch dein eigenes Verhalten hat eine positive Absicht
Der Satz „Hinter jedem Verhalten steckt eine positive Absicht" gilt auch für dich selbst. Wenn du mal aggressiver in einem Streit reagiert hast als du eigentlich wolltest. Wenn du länger am Handy warst als geplant. Wenn du dir selbst dabei sauer bist – unterstelle auch dir selbst eine positive Absicht. Denn das ist Selbstliebe. Und wenn ich mir bei einem wirklich ganz sicher bin: Das wird deinen Beziehungen ganz bestimmt nicht schaden.