Verbindlichkeit in der Beziehung – wie ein fehlendes „Ja" Partnerschaften von innen aushöhlt
John Gottman, einer der bekanntesten Paartherapeuten weltweit, beschreibt in einem seiner Bücher eine Begegnung, die mich bis heute nicht loslässt. Ein Paar, das er seit Wochen begleitete, erschien eines Abends zur Therapiestunde – und erklärte, die Arbeit abbrechen zu wollen. Gottman war überrascht; er hatte den Eindruck, die Therapie laufe gut. Er bat die beiden, ihm zu erklären, was schiefgelaufen sei.
Was er dann erfuhr, hatte nichts mit seiner Therapie zu tun. Auf einer Party hatte der Mann ein angeregtes Gespräch mit einer anderen Frau geführt – und sich dabei gewünscht, seine eigene Partnerin würde mehr mit ihm flirten. Seine Frau dagegen dachte im selben Moment: Sie könnte bestimmt einen reiferen Mann finden. Beide standen noch in einer Beziehung miteinander. Aber beide hatten innerlich bereits abgebucht.
Und in diesem Moment wurde klar, warum keine Paartherapie der Welt bei ihnen helfen konnte.
Was Verbindlichkeit in der Partnerschaft wirklich bedeutet
Verbindlichkeit ist kein Versprechen. Es ist keine Unterschrift auf einem Papier und kein laut ausgesprochenes Ehegelübde vor Zeugen. Verbindlichkeit ist eine innere Haltung – die bewusste, unumkehrbare Entscheidung für einen Menschen. Das stille „Ja", das du nicht auf einer Feier ausgesprochen hast, das du aber jeden Tag mit deiner Aufmerksamkeit und deinem Verhalten bestätigst.
Das bedeutet nicht, dass es keine Konflikte gibt. Nicht, dass dein Partner dich nie enttäuscht. Verbindlichkeit bedeutet, dass die Integrität der Beziehung nicht vom Ausgang eines Streits abhängt. Dass du nie – weder laut noch durch die Blume – die Beziehung als Druckmittel einsetzt. Dass du weißt: Diese Person hier ist meine Wahl, und zwar unabhängig davon, ob sie gerade das tut, was ich mir wünsche.
Surrogatparameter: Warum Hochzeit und Treue Verbindlichkeit nicht ersetzen
In der Medizin spricht man von Surrogatparametern: Messgrößen, die man stellvertretend für ein schwer messbares Ziel verwendet. Der Blutdruck ist ein Surrogatparameter für Lebenserwartung. Nützlich – aber nicht deckungsgleich. Es gibt Blutdruckmittel, die den Blutdruck senken und trotzdem das Leben verkürzen.
Ich glaube, auch in Beziehungen haben wir solche Surrogatparameter für Verbindlichkeit. Die Hochzeit zum Beispiel. Das Monogamieversprechen. Sexuelle Treue. Das sind Zeichen, die wir stillschweigend als Belege für Verbindlichkeit interpretieren. Aber sie sind es nur zum Teil.
Du kannst heiraten und innerlich deinen Partner täglich mit anderen vergleichen. Du kannst deinem Partner körperlich treu sein und ihn gedanklich täglich verlieren. Und umgekehrt: Es gibt Paare, die ihre Beziehung sexuell geöffnet haben – und trotzdem füreinander brennen, wie es viele monogame Paare nie tun.
Das sage ich nicht als Plädoyer für offene Beziehungen oder gegen die Ehe. Ich sage es, weil der Fehler, Surrogatparameter mit dem eigentlichen Ziel zu verwechseln, Beziehungen langfristig mehr schadet als nützt. Wer glaubt, mit dem Ehegelübde sei das Thema erledigt, übersieht die eigentliche Entscheidung, die dahintersteckt.
Der innere Vergleich – das stärkste Symptom fehlender Verbindlichkeit
Wenn Verbindlichkeit fehlt, passiert etwas Schleichendes: Wir beginnen, unseren Partner innerlich mit anderen zu vergleichen. Nicht unbedingt bewusst. Nicht unbedingt böswillig. Aber der Gedanke ist da: Vielleicht gibt es jemanden, der besser zuhört. Weniger Chaos im Kopf hat. Mehr auf meiner Wellenlänge ist.
Dank Online-Dating ist dieser Gedanke heute leichter verfügbar als je zuvor. Die Illusion, zehntausende Alternativen seien nur einen Swipe entfernt, macht das Gras auf der anderen Seite des Zauns strukturell grüner als je.
Aber dieser Vergleich ist selten das Symptom schlechter Passung. Er ist das stärkste Symptom fehlender Verbindlichkeit. Und er verstärkt sich selbst: Wenn du einmal anfängst, deinen Partner gegen imaginäre Alternativen abzuwägen, findest du immer Argumente. Es wird immer jemanden geben, der emotional stabiler ist, abenteuerlicher, aufmerksamer. Wenn du danach suchst, wirst du es finden.
Shirley Glass, eine der führenden Expertinnen für Untreue, beschreibt dieses Muster mit dem Bild von Mauern und Fenstern. Gesunde Paare, schreibt sie, errichten eine Mauer um sich beide herum – und halten die Fenster nach innen offen. Wenn die emotionalen Grenzen der Beziehung stattdessen nach außen wandern, entsteht Schritt für Schritt ein Fenster. Und aus einem Fenster wird mit der Zeit eine Tür.
Verbindlichkeit entsteht nicht – sie wird entschieden
Das Wichtigste, das ich über Verbindlichkeit gelernt habe: Sie entsteht nicht automatisch durch Chemie oder Kompatibilität. Sie ist eine Entscheidung. Und sie muss täglich bestätigt werden – nicht durch große Gesten, sondern durch kleine Aufmerksamkeiten.
Wann hast du deinem Partner das letzte Mal gesagt, was du an ihm schätzt – nicht weil er etwas Besonderes getan hat, sondern einfach weil? Wann hast du ihm für seine Loyalität gedankt, für seinen Humor, für die Art, wie er zuhört, auch wenn er selbst einen schlechten Tag hatte?
Energie folgt der Aufmerksamkeit. Was du bemerkst und ansprichst, wächst. Wer die positiven Seiten seines Partners in den Fokus rückt, verändert damit nicht nur das Bild, das er von ihm trägt – sondern auch die Entscheidung, die er jeden Tag neu trifft.
Das Paar aus Gottmans Geschichte hatte nie wirklich „Ja" gesagt. Nicht füreinander. Sie führten eine Beziehung – aber ohne die eigentliche Entscheidung dahinter. Und vielleicht ist das die ehrlichste Zusammenfassung dessen, was Verbindlichkeit bedeutet: eine Beziehung führen reicht nicht. Es braucht das Ja.
Wenn dich das Thema weiter beschäftigt: In der dazugehörigen Podcast-Folge gehe ich noch ausführlicher darauf ein – mit mehr Beispielen, dem Shirley-Glass-Modell in der vollen Tiefe und der Frage, wie man Verbindlichkeit auch dann aufbaut, wenn sie lange gefehlt hat. Du findest die Folge hier: Verbindlichkeit – wie ein fehlendes „Ja" Beziehungen von innen aushöhlt.
Wenn dich dieses Thema persönlich beschäftigt und du das Gefühl hast, dass eurer Beziehung genau diese Grundlage fehlt – melde dich gerne. Ich begleite Paare dabei, nicht nur besser miteinander zu sprechen, sondern wirklich füreinander zu entscheiden.